Ich surf TV
Der «Bastard Channel» ist ein Zwitter zwischen Fernsehen und Internet. Und trotzdem unterhält er gut.

von Claudia Spinelli

Als die Pioniere der Netzkunst vor über zehn Jahren den Datenstrom des World Wide Web für sich entdeckten, haftete ihnen eine Aura der Subversion und Randständigkeit an. Sie galten als Freaks. Als schräge Vögel, die in durchqualmten Nächten für ein virtuelles und möglicherweise inexistentes Publikum programmierten. Zu politisch, zu exotisch, zu verwirrend, zu wenig unterhaltend. Das Image der Netzkunst hat sich seither wenig verändert, und von einem breiten Durchbruch kann kaum die Rede sein.

Dank «56kTV – Bastard Channel» könnte sich dieser Missstand möglicherweise aber bald ändern. Denn das von Pro Helvetia und der Schweizer Netzkunstplattform Xcult gemeinsam verantwortete Projekt schafft zumindest ein zentrales Problem aus der Welt: die Qual der Wahl, die Orientierungslosigkeit im Internet. Aufgebaut wie ein TV-Sender, bietet «Bastard Channel» dem Neugierigen eine klare Programmstruktur mit festgelegten Sendezeiten: Wer sich auf www.56k-bastard.tv einloggt, kann sich jeweils nur fünf Projekte hintereinander ansehen. Danach herrscht – wie früher, als die Mutter den Fernseher wegschloss – zwei Stunden Sendepause.

«Wir zeigen der Zapp+Surf-Attitude den medialen Zeigefinger», kommentiert der verantwortliche Kurator Reinhard Storz diese erzieherische Massnahme. Sein Ton ist zu Recht ironisch. Denn anders als viele Netzkunstprojekte, die sich vornehmlich der politischen Systemkritik verschrieben haben, wartet «Bastard Channel» mit einem heterogenen Angebot auf. Von heiter bis ernst, von der Nachricht bis zur Unterhaltung, vom Realityformat bis zur Soap reflektiert der Internetkanal bekannte TV-Formate: Auf den mit Leitplanken gesicherten, also kanalisierten Wellen von «Bastard Channel» ist das Surfen selbst für Netzmuffel eine anregende Sache.

«AcidMissile» des Parisers Jimpunk – ein anonymer Künstler, dessen wirkliche Identität nicht einmal Reinhard Storz bekannt ist – präsentiert beispielsweise einen «zerzappten Actionfilm». Mit seiner hektischen Programmierung kommt er unserer eigenen Ungeduld zuvor. Von Comicfiguren über Fantasykrieger, eine einem alternden Westernschauspieler gewidmete Google-Seite bis zu einem Astronauten: Jimpunk lässt Figuren und Frames in rasantem Tempo tanzen. Ein Bilderballett mit einer eigenen, sehr anziehenden Choreografie.

Mit Anziehung und Begehren arbeitet auch die Künstlerin Shu Lea Cheang. Wer sich bei ihrem Projekt «Milk» einloggt, sieht sich mit einer Unzahl von Pornobildern konfrontiert. Ein Programmcode importiert diese direkt aus dem Netz auf die Oberfläche des Computers. Ein Umstand, der – immerhin wurde «Bastard Channel» von der Pro Helvetia mitinitiiert – dazu geführt hat, dass es zwei Versionen von «Milk» gibt: eine «verschneite» auf www.56k-bastard.tv, wo die obszönen Details kaum zu erkennen sind, sowie eine unzensurierte auf www.xcult.org.

Die Milch kann töten

Unempfindlichen Gemütern sei die originale Variante empfohlen. Denn das Gezeigte fährt ein. Die anfängliche Neugierde, mit der wir die Hardcorebilder betrachten, weicht alsbald einer schockierenden Einsicht: Ein Laufband listet die Zahl der Afrikaner auf, die in der Zeit, seit der wir uns auf der Seite befinden, an Aids gestorben sind. Nach 16 Sekunden sind es schon zwei, nach vier Minuten zählen wir zwanzig. Und so tickt es tödlich munter weiter, derweil sich im Hintergrund langsam ein Bild aufbaut, auf dem nach und nach eine Frau zu erkennen ist. Ihr Gesicht und ihre Brüste sind über und über mit einer weisslichen Flüssigkeit bekleckert: «Milk» ist ein tödlicher Stoff.

«Bastard Channel» ging im vergangenen November mit sechs Sendungen in Betrieb, seither kommen laufend neue hinzu. Sie sind allesamt sehenswert, und manche bewegen sich wie «Milk» auf qualitativ höchstem Niveau. «Travelogue» von Studer/van den Berg ist erst seit ein paar Tagen dabei. Das Setting ihres interaktiven Spiels führt den Neugierigen in eine Art «Hotel California». In eine Herberge, die von aussen ungemein anziehend wirkt, sich dann jedoch als Falle entpuppt.

«You can check out anytime, but you can never leave.» Im Fall von «Travelogue» gibt es zwar – so zumindest will es uns das Programm weismachen – einen Weg aus dem verwunschenen Gebäude. Dazu braucht es aber eine ganze Menge Geduld: Erst dem winkt die Freiheit, der die entsprechenden Gegenstände aufgesammelt, der ihren korrekten Einsatz herausgefunden hat. Dafür ist die Erlösung dann aber eine absolute: Das Paradies, sinnbildlich dargestellt als Ferienidylle in tropischen Gewässern, flimmert immer mal wieder über den hoteleigenen Fernseher.

Vielleicht ist das vermeintliche Ziel aber nichts anderes als ein weiteres Trugbild. Denn das Spiel des Schweizer Künstlerpaars ist vertrackt und liess sich im Selbstversuch, der zugegeben unter einem gewissen Zeitdruck stattfand, nicht lösen. Zum Glück funktionierte der Quit-Button. Sonst gäbe es in dieser Ausgabe der Weltwoche keine Kunstseite zu lesen.

www.56k-bastard.tv
«56kTV – Bastard Channel» wird aktuell im Rahmen
der Ausstellung «Mapping New Territories. Schweizer Medienkunst International» in der Kunsthalle St. Gallen präsentiert (mit Knowbotic Research, Marlene McCarty, N3krozoft Mord).
Bis 27. 3. www.k9000.ch

(c) 2005 by Die Weltwoche, Zürich - 04.02.2005