Verspielte Medienkritik
Das Netzkunstprojekt «56kTV - Bastard Channel» präsentiert sich als eine Kreuzung zwischen Internet und
Fernsehen.
Von Mirjam Weder
Mit dem Projekt «56kTV - Bastard Channel» fördert Pro Helvetia zum ersten Mal ein grösseres
Netzkunstprojekt. «Die neuen Medien haben in den Schweizer Museen noch nicht das gleiche Gewicht wie
in anderen Ländern», betont Rudolf Velhagen, Leiter des Bereichs Visuelle Künste von Pro Helvetia.
«Mit
diesem Projekt signalisieren wir, dass die neuen Medien Teil unseres Förderungsspektrums sind. Zugleich
wollten wir aber auch einen Standard setzen, wie wir uns qualitativ hoch stehende Netzkunst vorstellen.»
«56kTV» hat diese Latte hoch angesetzt. Das Konzept, das Reinhard Storz im Auftrag von Pro Helvetia
zusammen mit Monica Studer und Christoph van der Berg ausarbeitete, ist raffiniert und technisch und
visuell überzeugend umgesetzt. Die ausgewählten Beiträge widerspiegeln das aktuelle Geschehen in der
Netzkunst. So konnte Storz auch den Kunstkredit Basel-Stadt und die Christoph-Merian-Stiftung als
Sponsoren gewinnen. Das Projekt, anlässlich des Medienkunstfestivals Viper in Basel mit einer
loungeartigen Installation erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt, ist nun im Rahmen der Gruppenausstellung
«Mapping New Territories» in der Kunsthalle St. Gallen und im Mai im Medienforum plug.in in Basel zu
sehen.
Die Idee von «56kTV» war, mit den Mitteln des Internets einen Fernsehkanal zu fingieren. Dazu lud Storz als
Leiter des Projektes 14 Künstler aus dem In- und Ausland ein, Beiträge einzureichen. Davon sind nun schon
7 Projekte aufgeschaltet. Der Rest folgt im Verlauf des nächsten Jahres.
Der «Bastard Channel» ist mehr als nur plumpe Fernsehparodie, er ist verspielte Medienkritik. Die Kreuzung
von Techniken und Strategien des Internets mit denen des Fernsehens zeigt Grenzen und Möglichkeiten
beider Medien auf. So funktioniert beispielsweise der «Bastard Channel» analog zum Fernsehen nach
einem strikten Sendeprogramm. Nicht alle Beiträge können jederzeit angeschaut werden. Was für das
Fernsehen ganz normal erscheint, wirkt auf dem Internet komplett absurd und macht so die Eigentümlichkeit
beider Medien sichtbar.
Agententreffen in Seoul
Die Beiträge verwenden Fernsehformate wie Nachrichten, Talkshows, Serien, Quiz und
Late-Night-Programme, setzen diese aber mit netzspezifischer Technik und Ästhetik um. Dabei müssen sie
die beschränkte Geschwindigkeit der Datenübertragung im Netz berücksichtigen - wofür übrigens im
Projekttitel «56k» steht, das die Übertragungsgeschwindigkeit eines Modems bezeichnet.
Young-Hae Chang Heavy Industries aus Seoul etwa haben mit «View and Plan of Seoul - A Transpacific
Intrigue» eine 13-teilige TV-Serie produziert. Darin berichtet uns eine Agentin von einem konspirativen
Treffen in Seoul. Die Geschichte ist süffig wie eine TV-Serie und besteht doch nur aus Textzeilen, die im
Takt beschwingter Jazzmusik aufscheinen, sowie einer Computerstimme, die diesen Text vorliest.
Um einiges ernster ist die fingierte Nachrichtensendung des Schweizers Marc Lee, der mit «loogie.net»
schon ein ähnliches Projekt vorgelegt hatte. Sein «TV-Bot» sucht im Internet selbstständig nach den neusten
Daten von Webcams, Live-TV- oder Live-Radiosendungen sowie Schlagzeilen von Onlinezeitungen. Die
Fundstücke - Texte, Bilder, Filme, Töne - werden zu einer Newscollage montiert, die in ihrer Beliebigkeit die
so genannten News als sinnentleert entlarvt. Ebenso entlarvend ist Shu Lea-Cheangs «Milk», eine kritische
Auseinandersetzung mit der Flut pornografischer Bilder auf TV und Internet.
http://www.56k-bastard.tv.
Im Rahmen der Medienkunstausstellung «Mapping New Territories» in der Kunsthalle St. Gallen bis 27. März .
© Tages-Anzeiger, 16.02.2005; Seite 54; Nummer Kultur