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Ein frucht- und unberechenbarer Zwitter zweier Medien

Annina Zimmermann
21.11.04

Welche Bedingungen muss Netzkunst berŸcksichtigen und hinterfragen, um genuin als kŸnstlerische Antwort auf das neue Kommunikationsmittel gelten zu kšnnen? Die vom Basler Netzkunstpionier Reinhard Storz, Kurator von www.xcult.org, seit 1995 ausgeheckten Projekte erforschen Inhalte und testen zugleich das Spezifische des Mediums. In seinem neusten Projekt in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung Pro Helvetia tut er das einmal mehr, indem er mehrere der scheinbar fest geschriebenen Konventionen des Netzes durchbricht. ã56k-Bastard-TVÒ ist eine Plattform im Internet, die, so Storz ãsich selbst als die Geschichte eines Fernsehsenders erzŠhlt.Ò Angelegt ist diese Parodie des Fernsehens als Work in progress und entspricht so dem Wunsch steter Aktualisierung des Online-Users. Gestern wurde an der VIPER mit PrŠsentationen und einem Ÿppigen Buffet Premiere gefeiert. Der ãZwitterkanal Ò bietet zur Zeit sechs sog. Sendungen an, bis im FrŸhling 2005 kommen monatlich neue hinzu, die Storz bei KŸnstlerinnen und KŸnstlern aus Basel, Berlin, Genf, Johannesburg, New York, Ostrava, Paris, Seoul, Tokyo und ZŸrich, in Auftrag gab.

Die Simulation von TV im Netz stellt die GesetzmŠssigkeiten zweier unterschiedlicher Medien auf die Probe. So entzieht sich ãBastard-TVÒ der stŠndigen und weltweiten VerfŸgbarkeit des WWW, indem es die Programmstruktur des Fernsehens Ÿbernimmt: Die Sendungen sind nur zu beschrŠnkten und je nach Weltgegend unterschiedlichen Tageszeiten zugŠnglich. Mit der kŸnstlichen Verknappung zeigt Storz ãder Zapp- & Surf-Attitude den medialen FingerÒ und reflektiert so unsere …konomie der Aufmerksamkeit und das Web als Zeit-basiertes Medium. Konzipiert ist das neue Angebot zudem nicht wie Ÿblich fŸr die neuste Hardware, sondern fŸr die zšgerliche †bertragung durch ein 56k-Modem. Der Medienmischling Ÿberkreuzt so das vollmundige Versprechen eines TV-Senders mit dem bescheidenen technischen Stand vieler Privathaushalte.

Das Echo von News, Soap und Talkshow
Innerhalb dieser mit einem Augenzwinkern behaupteten Metageschichte des TV-Senders šffnet sich den einzelnen BeitrŠgen Spielraum. Am explizitesten verwandelt Exonemo im Beitrag ZZZZZZZZapp den Computerschirm in einen TV-Monitor: Digitale Pixel wabern wie beim schwankenden Empfang von Signalen verzerrt Ÿber den Schirm. Dieser ãGrenzraum vor dem Bild-ZielÒ lŠsst sich mit der Maus interaktiv auskundschaften. Andere BeitrŠge beziehen sich loser auf die verschiedenen Sendungsformate des Fernsehens, auf News, Talkshow und erotische Werbung. Die meisten verzichten in Anlehnung an das mediale Vorbild in programmierten AblŠufen von Bild und Ton bewusst auf partizipative Mšglichkeiten.

Nathalie Novarina und Marcel Croubalian lassen den Master einer nordamerikanischen Talkshow das Studiopublikum aufheizen: ãNews from the DeadÒ heisst die Sendung, die uns so Ÿber die Tonspur plausibel gemacht wird. Vor unsern Augen erscheint im ãWhite NoiseÒ, dem bei †bertragungsunterbrŸchen einsetzenden Schneegestšber, schemenhaft ein kleines Gespenst, das aus dem Online-€ther flŸstert. Der Spuk karikiert den Sensationshunger von Talkshows, die selbst einen solchen Durchbruch in der FernmŸndlichkeit Ð das GesprŠch mit den Toten Ð zu banalisieren vermag.

Die Soap dagegen erfŠhrt in Young-Hae Changs Serie ãView and Plan of Seoul. A Transpacific IntrigueÒ eine poetische Umsetzung. Die ErzŠhlung einer Geheimagentin entspinnt sich in einem Starbuck-Kaffee in Seoul, wobei statt Schauspielern Worte auftreten. Die Tagesschau darf natŸrlich nicht fehlen. Marc Lee entwickelte fŸr ãBastardTVã einen ãLive Stream TV-BotÒ, der das Netz nach Livebildern von Webcams und TV-Streams absucht und deren Bilder auf die heimischen Bildschirme umlenkt, wo sie von aktuellen journalistischen Schlagzeilen kommentiert werden. Anders als die meisten online kommunizierten Inhalte sind diese stets brandneu: Breaking News. Lee Ÿberbietet so die Angebote kommerzieller Newsseiten, wobei die gemŠchliche Ereignisarmut der Bilder die sprachliche Zuspitzung eigentŸmlich relativiert.

InflationŠre Bildermasssen
Die formale Diskrepanz von Bild und Text wird auch von Shu Lea Cheang benutzt, hier, um eine Gleichzeitigkeit von Ereignissen aufzuzeigen, die so unertrŠglich ist, dass wir sie im Alltag meist ausblenden. Den Computer Ÿberfluten die kaum zensurierten Abbildungen nackter Frauen. Die inflationŠre Bildermasse scheint sich autonom fortzupflanzen, erinnert an das Suchtpotenzial pornografischen Konsums, aber auch, wie sehr das Internet Ð wie die meisten neuen Medien Ð seine Dynamik kommerzieller Pornoproduktion verdankt. Die langsame Ladezeit wirkt hier zugleich lockend und frustrierend und entspricht deren Strategien von VerfŸhrung und Ausbeutung von des Users Aufmerksamkeit. Als KostenzŠhler ist hier aber nicht allein eine Uhr eingeblendet, sondern die wŠhrend des Runterladens der Bilder wachsende Zahl afrikanischer Aidsopfer. So koppeln sich sexualisierter Zeitvertreib und politisches VerdrŠngen in grausamer Doppelmoral, die nur Zyniker lange aushalten.

Shu Lea Cheangs Beitrag verzichtet auf den Illusionismus des TV-Monitors; er thematisiert mit seiner Schichtung von Popup-Fenstern den Ort seiner Erscheinung: den sog. ãSchreibtischÒ der BildschirmoberflŠche. Auch Jim Punk verwendet fŸr seine rasante Choreografie von Bild und Ton die VersatzstŸcke der Computerkultur: Dialoge aus Google, Betreffzeilen von Spam, Popups und aus Typografie gebaute Figuren animiert er zu einem Soundtrack aus ComputergerŠuschen: Fehlermeldungen, aber auch das digital simulierte ãKlickenÒ einer Kamerablende, Beats und Tabla. Mit Stills und Fragmenten von Filmmusik untermalt gewinnen die wandernden, aufscheinenden und sich ausblendenden Fenster filmischen Charakter. Sie sind vorprogrammiert, sozusagen einstudiert, ereignen sich durch das nahezu zeitgleiche Herunterladen der Daten auf dem Bildschirm aber als Live-Performance.

Lockende Sphinx
Das letzte der in der ersten Phase aufgeschalteten Angebote wiederum erinnert von Ferne an die Hellseherinnen und Psychologen, die per Telefon vom Bildschirm aus Lebenshilfe versprechen. Birgit Kempker hat, von Programmierern unterstützt, ihre literarisches Alter ego als Sphinx für das Internet weiterentwickelt. Die leisen, knapp geloopten Hauch- und Schnalzlaute der Sphinx und das Bild einer im Schatten silberfarben funkelnden Mechanik entwerfen das Bild des rätselhaft feminimen Roboters, der mitunter auf unsere Fragen antwortet, indem er unsere Stichworte aufgreift, spiegelt und zu poetischem Sinn neu arrangiert. Oder war es doch die Autorin selbst, die schreibt: ãDie Sphinx ist ein komplexes System, zwischen Wirklichkeiten Schneisen zu schlagen, zu sphinxen. Schneeschneisen, Ameisenstrassen und Schwalbenbahnen. ... Das koennte heissen, um etwas zu verstehen, muss man es zu sich nehmen, eventuell essen. Die Sphinx von Pontresina und ihre Maschine, die Pontresina der Sphinx, hoeren die Fragen ab mit ihren jeweiligen Mitteln und lernen dabei von einander und von den Fragen.



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PrŠsentation von 56k-BastardTV an der Viper



Die Eingangseite von 56k-Bastard-TV



Exonemo, ZZZapp



Jimpunk, Acid Missile



Birgit Kempker, Sphinx


Links:
56k-Bastard-TV
Viper
Xcult, die von Storz kuratierte Plattform
Kulturstiftung Pro Helvetia


56k-Bastard-TV
Netzkunst von Xcult (Reinhard Storz) in Zusammenarbeit mit Pro Helvetia




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