Das Orakel von Pontresina
«56kTV Bastard Channel»: Netzkunst zwischen Web und TV
von Alexandra Stäheli
Der amerikanische Anglist und Medientheoretiker Marshall McLuhan hat in seinen Schriften einmal festgehalten, dass ein neues Medium zunächst immer ältere Medien simulieren müsse, um sich wirklich entfalten zu können: Da es sein eigenes bahnbrechendes Potenzial noch nicht kennt und somit auch nicht vollkommen ausschöpfen kann, muss ein Medium, wenn es das Licht der Technik erblickt, in den ersten Momenten seiner Lebenszeit auf die Strategien und ästhetischen Formen bereits vorhandener Medien zurückgreifen. So hat sich das Massenmedium des Fernsehens etwa in seiner Geburtsstunde als noch ziemlich starre Kreuzung zwischen Radio und Wochenschau präsentiert, während die Benutzeroberfläche unseres Personal Computers seit seinen Anfängen so tut, als hätten wir es tatsächlich noch mit einem alten Schreibtisch zu tun.
Mediale Zwitter
Das internationale Netzkunstprojekt «56kTV Bastard Channel» nun macht, wie es der Name schon suggeriert, gerade diese medialen Zwitter zum Thema, doch es wendet dabei seinen Simulations-Blick spielerisch und gleichwohl ironisch-analytisch nach rückwärts: Hier ist es nun das Medium des Internets, das sich seinem Vorgänger Fernsehen widmet und dessen Funktionsweisen in Form und Inhalt untersucht: 14 Künstlerinnen und Künstler aus neun Ländern sind von Reinhard Storz, dem Kurator des Projekts und Betreiber der unabhängigen Netzkunst-Plattform xcult, eingeladen worden, Beiträge zu einem Web-TV-Programm zu schaffen, bei dem zwar die Formen und Codierungen des Internets verwendet werden, das sich inhaltlich jedoch an die Sendeformate des Fernsehens anlehnt.
Von diesem übernimmt «56kTV-Bastard Channel» ganz entgegen der grenzenlosen Verfügbarkeit des Internet auch die Programmstruktur: Die einzelnen Beiträge sind auf www.56k-bastard.tv an verschiedenen Orten der Welt jeweils nur zu bestimmten Sendezeiten zu sehen, die man einem auf dem Web publizierten Wochenprogramm entnehmen kann. Mit dieser zeitlichen Beschränkung, die von uns bastardigen «TV-Usern» eine Ökonomie der Aufmerksamkeit fordert, zeigt das Netzkunstprojekt «der Zapp & Surf-Attitude den medialen Finger», wie es das Infopapier in süffisant-fröhlichem Ton verkündet. Dabei ist das teilweise interaktive TV-Programm aber explizit nicht auf den High-Tech-Standard eingefleischter Programmierer und Tüftler ausgerichtet, die einzelnen «Sendungen» können vielmehr auch mit der bescheidenen Ausrüstung eines 56k-Modems empfangen werden.
Das Spektrum der sieben bis jetzt «ausgestrahlten» Sendungen bis im Frühling werden nochmals sieben weitere dazu kommen reicht von Talkshows und News über Doku-Soaps bis hin zum rasanten, den Bildschirm misshandelnden Actionfilm, für den der Pariser Jimpunk mit seinem Beitrag «AcidMissile» verantwortlich ist. Ähnlich turbulent geht es auch bei «ZZZZZap» des japanischen Künstler- und Hackerduos Exonemo zu: Als würde ein übernächtigter Fernsehzuschauer unwirsch seine Fernsteuerung malträtieren, zucken da die Bilder und Bildverschnitte über den Monitor, die die beiden Künstler genauso wie den Ton laufend neu aus an sie verschickten Spam-Mails generieren. Während Young-Hae Chang Heavy Industries aus Seoul mit «View and Plan of Seoul» die Dialogzeilen einer Agenten-Soap über den Bildschirm flimmern lassen, ist Marc Lee mit seiner Arbeit den Newssüchtigen bei der Stoffsuche behilflich: sein «TV-Bot» grast das Internet auf sämtliche Livekamera-, TV- und Radio-News ab, die nicht älter als eine Stunde sind und präsentiert uns dabei tatsächlich Neuigkeiten, die gerade erst im Begriff sind, solche zu werden.
Für die dunkle Seite des Nachtprogramms sorgt Shu Lea Cheang mit ihrer harmlos klingenden Arbeit «Milk»: Beim Anwählen dieses TV-Programms füllt sich der Bildschirm langsam mit Porno-Bildern, die Cheangs Suchmaschine ähnlich wie Lees «TV-Bot» auf dem Internet findet. Dazu tickt erbarmungslos schnell ein Zähler, der die Aidstoten in Afrika während der Zeit des Bilderkonsums anzeigt (wobei Cheang die posierenden Nacktheiten aus Rücksicht auf Schweizer Sensibilitäten mit rieselnden Pixel-Schneeflocken überdeckt; eine unzensurierte Fassung kann hingegen auf www.xcult.ch betrachtet werden). Das eigentlich Obszöne liegt dabei in Cheangs im Net bereits heftig diskutierter Arbeit nicht in der Weiterverwendung pornografischer Materialien, sondern in der Verbindung zwischen Bild und Text: zwischen vitalen, prallen, ineinander verschlungenen Körpern einerseits und dem body count qualvoll Verstorbener andererseits, die sich zu einem bestimmten Teil selbst durch ungeschützten Geschlechtsverkehr angesteckt haben mögen.
«Das Blühen droht»
Übersinnliches schliesslich spukt in zwei Arbeiten zwischen den Pixeln unserer Bildschirme hervor. In «missed» von Nathalie Novarina und Marcel Croubalian erzählt uns eine kleines, aus dem kribbeligen White Noise auftauchendes Gespenst die letzten «News from the Dead» und karikiert damit den immer absurdere Grenzen sprengenden Sensationshunger unserer abendlichen Talkshows. Die vielleicht poetischste und einzige genuin interaktive Arbeit hingegen nimmt Bezug auf die Astro- und Magier-Shows: Die von der Basler Autorin Birgit Kempker ins Leben gerufene «Sphinx» von Pontresina ist ein echtes, seufzendes und trillerndes Orakel und zugleich auch eine geheimnisvolle, mit allen Seifen der Rhetorik gewaschene Poesiemaschine. Wer der Sphinx per Mail eine Frage stellt, bekommt postwendend entweder von ihr selbst oder ihrer technischen Helferin eine klingende Antwort. «Die Sphinx von Pontresina und ihre Maschine, die Pontresina der Sphinx», schreibt die Autorin über sich dabei wundersam eröffnende Interaktionen, «hören die Fragen ab mit ihren jeweiligen Mitteln und lernen dabei von einander und von den Fragen.»
Auf unsere Frage, welche Zukunft der Netzkunst wohl blühe, antwortete die Maschine der Sphinx mit einem langen Gedicht über das Netz, die Kunst, die Spinne und das Spinnen, welches mit den Worten endet: «Das Blühen droht / der Kunst und das / ist artig». Möge sich das Orakel in einer art-ig versponnenen Netz-Nachkommenschaft erfüllen. Bis jetzt jedenfalls stellt die Koproduktion zwischen xcult und der Stiftung Pro Helvetia, an der sich noch weitere namhafte Sponsoren beteiligt haben, im www noch immer eine Einzigartigkeit dar und muss als eines der grössten kuratierten Netzkunst-Projekte weltweit bezeichnet werden.
erschienen in:
Neue Zürcher Zeitung, Montag 24.1.05