Programmzeitung Basel, Ausgabe Mai 2005


ZWITTER IM NETZ

Das aktuelle Projekt <56kTV - Bastard Channel) der Netzkunst-
Plattform Xcult simuliert einen Fernsehsender im Internet
.

von Urs Hofmann

«Eines Tages werden Künstler mit Kondensatoren, Widerstän-
den und Halbleitern arbeiten, so wie sie heute mit Pinseln, Vio-
line und Abfall arbeiten.» Recht hatte der koreanische Video-
künstler Nam June Paik, als er vor vierzig Jahren über seine
Zunft nachdachte. Wer heute auf dem Internet nach Netzkunst
sucht, braucht entweder einen guten Orientierungssinn und
viel Zeit, oder hält sich an eine Plattform, die zeitgenössische
Medienkunst ordnet und vermittelt. Eine solche ist das unab-
hängige Forum Xcult. Reinhard Storz, Gründer, Betreiber und
Kurator in persona, bietet ein Tauschangebot im Dreieck: den
Kunstschaffenden ermöglicht er die Realisation und Presen-
tation ihrer neuen Online-Werke auf dem Server von Xcult,
das Publikum schenkt - im Internet ein rares Gut - Aufmerk-
samkeit und weiss eine angemessene, das heisst kuratierte
Projektumgebung zu schätzen. Das Konzept scheint aufzuge-
hen: Während andere frühe Künstlerplattformen an ihren An-
sprüchen und ihrem Wachstum gescheitert oder in der Provi-
der-Arbeit ertrunken sind, bietet Xcult seit zehn Jahren mit
geringem materiellem Aufwand und ohne Drittmittel ein pro-
duktives Umfeld für Künstlerlnnen und den Netzkunst-Interes-
sierten einen Wegweiser.

Zurück ins TV-Zeitalter

In den Bereichen der Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte oder
Literatur wird die medial-vernetzte Informationswelt noch nicht
mit derselben Selbstverständlichkeit benutzt wie in den Natur-
wissenschaften oder der Wirtschaft. Gerade die Medienkunst
leidet unter einem Paradox: Die künstlerische Arbeit findet
zwar in den elektronischen Medien statt, aber sie profitiert nur
in bescheidenem Mass vom hohen Verbreitungspotenzial dieser
Medien. Der Kontext dieser Kunst erweist sich vielmehr als ein
Hindernis, wenn es um die konventionelle Verbreitung via Buch
oder Zeitschrift geht. Diese Vermittlungshürde hat Xcult bei der
jüngsten, eigenen Arbeit wohl mitgedacht. Das internationale
Netzkunst-Projekt 56kTV - Bastard Channel, in Zusammen-
arbeit mit Pro Helvetia entstanden, macht inhaltlich einen
Sprung zurück ins Fernsehzeitalter: Web und TV gekreuzt, er-
gibt einen Bastard, anzusehen mit einem herkömmlichen 56k-
Modem auf dem Heimcomputer. Als TV-Sender bricht 56kTV -
Bastard Channel ein Tabu im Internet: Die verschiedenen Sen-
dungen stehen nicht jederzeit zur Verfugung. Die verbreitete
"Zapp & Surf-Attitude" wird so unterlaufen, die Zuschauenden
sind gezwungen, sich die Programmvorschau anzusehen und
wiederzukommen.

Sphinx-Poesie

Die Arbeit TV-Bot des Zürchers Marc Lee ist einer Nachrich-
tensendung nachempfunden. Sein Programm scannt Nachrich-
tenquellen aus fünf Kontinenten und montiert sie auf dem Bild-
schirm zu einer ad absurdum geführten, sich immer wieder
erneuernden Schlagzeilenabfolge. Auch die anderen Projekte
der insgesamt 14 Künstlerinnen und Künstler aus neun ver-
schiedenen Ländern lehnen sich an die Sendeformate des Fern-
sehens an. Shu Lea Cheang steuert die fürs Fernsehen unver-
zichtbaren, mit Pixein versetzten Porno-Bilder bei - allerdings
will sich die Lust nicht einstellen: Während die Bilder langsam
ihren Weg auf den Bildschirm finden, tickt ein Zähler: Es sind
die afrikanischen Aidskranken, die seit dem Aufstarten von Leas
Arbeit gestorben sind.

Die gleichsam magischen Erwartungen, die manch unbedarfter
User an seinen Computer und das Internet hegt, macht die
Autorin Birgit Kempker zum Thema. Ihre Arbeit < Sphinx edited
Machine/Machine aided Sphinx> ist die interaktivste aller
56kTV-Sendungen. Das Publikum kann der Sphinx als Ratgebe-
rin per Mail eine Frage stellen und bekommt nach Minuten,
Stunden oder Tagen eine hintergründig-witzige, in Versform
gehaltene Antwort. Vielleicht antwortet die Sphinx persönlich,
vielleicht erteilt aber auch ihre Assistentin, die Maschine, mit
blecherner Stimme einen Ratschlag. Kempkers Projekt beweist,
dass auch literarische Arbeiten im Rahmen der interaktiven
Netzkunst ihren Platz haben können und sich nicht auf die
blosse Übertragung der Buchform auf das Internet beschränken
müssen. Die Frage an die Sphinx, wie die Zukunft der Literatur
im Internet aussieht, wurde wie unten abgebildet beantwortet...



<Sphinx edited Machine/Machine aided Sphinx>
answer by machine
Literatur ist hässliches Wort | das macht ihr nichts
Literatur ist Netz | Literatur springt Literatur fällt Literatur spinnt
z.B. aus Dreck Gold. Dreck gibts im Internet
Es gibt Fische und Vögel im Internet das macht nichts | es spinnt
sich selbst das Netz ] und fällt | was springt
das so bestellte Feld selbst springt | ins- und auch im Internet
und was die LITERATUR Welt ist fällt | (gefällt) ins NICHTS
in jeder persönlichen Zukunft ist der Tod das Netz | und ewig spinnt!
ich weiss nicht wer hier weiter singt.