Fran Ilich, „Telenouvelle Vague“

von Eveline Suter, Zürich

Wie alle grossen und kleinen TV-Sender heute strahlt auch 56kTV eine Telenovela aus. In der vielfältigen Mischung aus News, Werbeblock, Ratgebersendung, Krimi und Spiel ist "Telenouvelle Vague" von Fran Ilich das einzige filmische Projekt.

"Telenouvelle Vague" ist so etwas wie die Tochter von Telenovela und Nouvelle Vague. Die neue Form erhebt, wie dies Kinder so oft tun, einen doppelten Anspruch: leichte und spannende Unterhaltung in Serie sowie künstlerisches Niveau. Der Filmemacher und Cyber-Künstler Fran Ilich lebt und arbeitet in Mexiko, dem Geburtsland der Telenovela. Die erste Serie wurde dort bereits 1951 ausgestrahlt, sieben Jahre bevor in Frankreich Jean-Luc Godard und François Truffaut zusammen mit ihren Mitstreitern gegen die Tradition des französischen Films rebellierten und die Nouvelle Vague lancierten.
Die Telenovelas sind Teil unzähliger Lebenswelten auf dem ganzen Globus und können diese auch ganz real verändern. Wegen Telenovelas wurden auch schon islamische Gebetszeiten verlegt, Sitzungen unterbrochen, blieben Menschen der Arbeit fern oder wurden zum Knochenmarkspenden animiert. Die Popularität des Formats ist ungebrochen und die Abhängigkeit längst kein Hausfrauen-Symptom mehr. Zur Telenovela-Zeit schauen in Mexiko alle auf die Bildschirme in den Restaurants, Läden oder Busstationen, und man muss ganz schön auf sich aufmerksam machen können, um bedient zu werden.
Geschichtlich betrachtet ist die Telenovela die mediale Erweiterung der Vorleser in den kubanischen Fabriken. Man könnte sich aber auch vorstellen, dass sie mit der iberoamerikanischen Esskultur verwandt ist. Die kleinen Happen, die Tapas, lassen auch eher einen Geschmack nach Mehr zurück, als dass sie sättigen – die Cliffhänger auf dem Tisch.
"Telenouvelle Vague" hat von der Telenovela die Struktur, die Kürze und das Prinzip der endlichen Serie geerbt. Die Aufnahmetechnik mit der Handkamera, die Schwarzweiss-Ästhetik, einige modische Accessoires, Suspense und Jump-Cuts stammen dagegen von der Nouvelle Vague und verweisen insbesondere auf Jean-Luc Godard.

Fran Ilich erzählt die Geschichte von Esmeralda in dreizehn Episoden à drei Minuten. Die junge Mexikanerin ist aus einer nördlichen Grenzstadt nach Mexiko City gekommen, um ihren Bruder zu treffen, den sie aus den Augen verlor, als Militärs ihre Eltern töten. Seit vier Jahren suchte sie ihn. Doch der Bruder will sie nicht sehen. Während sie alles daran setzt, doch an ihr Ziel zu kommen, wird sie von der Guerillero-Vergangenheit ihrer Eltern eingeholt. Spannung entsteht unter anderem dadurch, dass vieles nur angedeutet wird. Warum verweigert der Bruder das Treffen? Wer will Esmeralda helfen und wer benutzt ihre Verzweiflung nur für eigene Zwecke? Zudem lassen sich die Akteure nicht zweifelsfrei in gute und böse einteilen. Statt ihren Bruder trifft Esmeralda verschiedene obskure Männer, die zum Teil zum Geheimdienst gehören und sie mehr oder weniger offen bedrohen. Die in Ansätzen realistische Geschichte wird durch den wiederholten Hinweis auf Klone verfremdet. "Be aware of the clones", wird Esmeralda gewarnt. Vielleicht eine Anspielung auf die berühmte brasilianische Telenovela "O Clones" (Die Klone)? Oder eine Reflexion des Genres, das dazu neigt ältere oder fremdsprachige Geschichten zu recyceln?







Eveline Suter, Zürich.


Fran Ilich, Mexico City
* Tijuana, 1975. Escritor y media-artist, lives in Mexico City.
author of the novels Metro-Pop and Tekno Guerrilla. Was editor @ large of Sputnik magazine, screenwriter of Interacción, founder of Nettime Latino, as well as director of many cyberculture festivals in México (including Cinemátik 1.0, the 1st cyberculture festival in Latin America). He recently curated the Borderhack Attachment Online Exhibition. He is now a researcher at Centro Multimedia del Centro Nacional de las Artes in México City, editor of Undo online magazine, and is producing an interactive film
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