Jimpunk, Paris: AcidMissile

cyber.tender.loving irony

von ibro fooman hasanovic, Sarajevo

Die Arbeit des französischen Künstlers jimpunk mit dem Titel AcidMissile unterscheidet sich von den sonst für das Projekt 56kTV augewählten und gezeigten Arbeiten. Was mich bewog über dieses Werk zu schreiben, ist die ‘saubere’ Vorgehensweise, wie der Künstler seine visuelle Sprache aufbaut.

Der Künstler beschreibt sein Werk als „Malerei in Bewegung mit einschliesslich Ton, javascripts, pop ups usw., .... als Internet Film“.

Die Verwendung von Ton, Rhythmus, Bewegung und Farbe führt zur Folgerung, dass diese Arbeit eine stark semiotische Seite hat, die nicht über „Repräsentation“ funktioniert, und doch wichtig für die Interpretation ist.

Als symbolische Elemente der Arbeit werden kommerzielle Banner, Google- Suchseiten, spam, ASCII- Graphiken, chat- Dialoge, „error“- Töne, elektronische Musik usw. verwendet.
Die „Assemblage“ dieser Elemente führt zu einem betont visuellen Wirkungseffekt, während das Szenario der Handlung und die Dramatisierung dem ganzen Dynamik geben.

Es scheint dem Künstler zu gelingen, ein ausgewogenes Gleichgewicht aus semiotischen und symbolischen Elementen herzustellen, die laut Julia Kristeva die Basis jeder Repräsentation bilden.
Und um zur Botschaft (zum Inhalt) zu kommen: Womöglich widmete der Künstler die meiste Zeit der Herstellung eines visuellen Effekts - und das ist kein Minus für die Arbeit.

Die Konsumenten – Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die Zeichen konsumiert und sich an aesthetisierten Bildern à la Werbung uebersättigt (, in diesem Fall an den im Werk verwendeten symbolischen Elementen.)
So sagte doch Jean Baudrillard: „Diese Gesellschaft basiert nicht länger auf Produktion, sie basiert auf Repräsentation und Verführung“.
Die Aggressivität und im speziellen die Ironie, die das ganze Werk durchfliesst, könnten interpretiert werden als Artikulation des „Horrors“ im zeitgenössisch kapitalistischen Alltag.
„Da ist kein Zeugnis von Zivilisation, das nicht gleichzeitig auch ein Zeugnis der Barbarei wäre“ - so Walter Benjamin.
jimpunk’s AcidMissile hat tatsächlich etwas Barbarisches an sich, das wir mit unseren täglichen Erfahrungen in Verbindung bringen können. Die verwendeten pop-ups erinnern dich an Jumbo – Poster, die Typographie und dieTitel an Neon-Leuchtreklamen und der Ablauf - Charakter der Arbeit an den schlimmstmöglichen Albtraum, der dich beim Surfen im Netz heimsuchen kann, (besonders wenn du erfährst, wie ärgerlich pop-ups sind. Und wenn du so bist wie ich, dann wünschst du dir, sie wären nie erfunden worden).
Ich weiss nicht wie effektiv AcidMissile eine kleine Glühbirne in unserem Kopf einschaltet, die uns die tägliche Dosis, die wir von diesem Alptraum abkriegen, enthüllen kann, eines Alptraums, der sich spontan, aber äusserst folgenreich in unserem Bewusstsein oder sogar in unserem Unterbewusstsein einnistet.

Es kommt mir so vor, dass, wenn du AcidMissile zum ersten Mal siehst, dies wie eine Fahrt durch Las Vegas ist. Du bist tief beeindruckt von seiner „Grossartigkeit“. Du liest die Neonschriften nicht wirklich, die LED-Reklamen und das ganze postmodernistische Zubehör; das geht viel zu schnell. Du entspannst dich einfach und geniessest die Tour, aber ohne dass es dir bewusst wird, geht Information in dein Gehirn ab. Und unglücklicherweise wirst du äusserst verwirrt nach ein paar Minuten. Du weisst nicht, wo du bist, wohin du gehen willst und wo das alles hinführt. Das ist gefährlich, aber dann ist es doch auch „cool“.
Ja, vermutlich ist dies die beste Metapher für AcidMissile, denn die Empfindung von „Raum“ im Internet ist genau so. Ich stelle mir dabei immer grosse Autobahnen und Strassen voll Informationen vor und du bist unterwegs und lässt das auf dich einwirken.

Jimpunk hat hier eine gut ausbalancierte, saubere und direkte „Bombe“ fabriziert, wodurch die Frage nach einer anderen Art von terroristischer Bedrohung gestellt wird, als die durch jene Terroristen, die ihre politischen oder religiösen Ideologien erfüllen wollen. Es ist die Frage nach den Terroristen, die sich im kapitalistischen System selbst verstecken und die nichts Anderes wollen als ihre ökonomischen Ziele erfüllen. Dies sind die Terroristen, die sich in uns selbst einschleichen und die sich in der Information zu erkennen geben, die wir in bezug auf unser eigenes „bescheidenes“, sterbliches Leben aufs Internet loslassen.
Und diese Art terroristischer Bedrohung durch uns selber ist vielleicht die gefährlichste Bedrohung, denn vielleicht können wir uns gegen andere Formen von Terrorismus wehren, aber ist es für uns möglich, unserem eigenen, persönlichen Terrorismus zu widerstehen?

Wenn alle Kreativität das Resultat einer Revolte ist, dann ist diese Arbeit wohl jimpunk’s Revolte. Aber führt sie auch zur Notwendigkeit einer Revolte in dir?

Ein anderer Schluss dieses Texts über die Bedeutung von jimpunk’s Werk könnte so lauten:
Der Titel ist AcidMissile und der Begriff besteht aus
„acid“ (: Slang fuer LSD; sauer-scharfer Geschmack; kritisch und unfreundlich, sarkastisch...) und aus
„missile“: Objekt oder Waffe, um nach einem Ziel geworfen oder abgefeuert zu werden; Explosive Waffe, die automatisch oder mittels elektronischer Vorrichtung auf ein Ziel hingelenkt wird (guided missile).
Setzst du nun die zwei Wörter zusammen, dann bekommst du den Titel für „coole“, scharfsinnige und grosse Kunst.






ibro fooman hasanovic, Sarajevo.
Born in 1981. Works in the field of video, photogrpahy, drawing and film. His works are generaly comments on identity and history of art. Curently studies at Fine Arts Academy in Sarajevo. Cooks food, drinks votka and from time to time writes.

Jimpunk, Paris
Recent works and participations: 18th Stuttgarter Filmwinter, January 13 16,2005; CYNETart_04areale :: 2003-0153 1n-0ut [meditation]; The Infinite Fill Show, Foxy Production NYC; Festival Ciberart-Bilbao 2004; Simple Net Art Remix (); p0es1s. Digitale Poesie / Digital Poetry Berlin; postartum, long beach, california; tirana biennale 2 new media, (cv see: http://www.jimpunk.com/info/news00.html#festival)